{"id":699,"date":"2015-10-02T15:35:25","date_gmt":"2015-10-02T13:35:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mostly-harmless.ch\/?p=699"},"modified":"2015-10-02T15:39:29","modified_gmt":"2015-10-02T13:39:29","slug":"los-gehts-von-lohnstorf-nach-moskau-mit-dem-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mostly-harmless.ch\/?p=699","title":{"rendered":"Los geht&#8217;s &#8211; von Lohnstorf nach Moskau mit dem Zug"},"content":{"rendered":"\n<p>Wie aus Watte sehen die Nebelfetzen aus, welche sich in der Nacht \u00fcber das &#8220;Moos&#8221; gelegt haben. Die Sonnentrahlen, welche ihren Weg durch die Wolken am Himmel finden, tauchen die Umgebung in weiches, goldenes Licht. Es scheint, als ob sich unsser Zuhause zu unserem Abschied von der sch\u00f6nsten Seite pr\u00e4sentieren will um sicher zu sein, dass wir den R\u00fcckweg wieder finden&#8230;;-)<\/p>\n<p>Kaum haben wir es uns im Zug bequem gemacht, da geraten wir auch schon in unsere erste Billettkontrolle. Die Kontrolleurin begutachtet unsere Billette (Thurnen &#8211; Breclav) und meint, dass wir in Bern umsteigen m\u00fcssten &#8211; nach einem kurzen Z\u00f6gern f\u00fcgt sie mit einem L\u00e4cheln hinzu, dass wir das wahrscheinlich besser w\u00fcsstn als sie&#8230;.<\/p>\n<p>Mit dem &#8220;G\u00fcrbeschn\u00e4gg&#8221; nach Bern. Mit dem IC weiter nach Z\u00fcrich und dann steigen wir in den Railjet nach Wien um. Auf die Fahrt mit diesem eleganten, weinroten Zug hat sich Rico schon lange gefreut. Der Railjet ist seht gut besetzt und wir sind froh, dass wir reservierte Pl\u00e4tze haben. Vor allem, dass wir ein Vierer-Abteil mit Tisch haben ist praktisch, denn so k\u00f6nnen wir all unser Material ganz nach Lust und Laune ausbreiten.<br \/>\nDas wir noch nicht lange am Reisen sind, merkt man daran, dass wir kaum 10 Minuten ruhig sitzen k\u00f6nnen am St\u00fcck, denn kaum haben wir es uns wieder bequem gemacht, merkt eines der Kinder, dass er oder sie doch noch etwas unbedingt braucht und dass sich das nat\u00fcrlich noch in irgendeinem Rucksack befindet.<br \/>\n<\/p>\n<p>In der letzten Woche vor unserer Abfahrt hat uns das aktuelle Fl\u00fcchtlingsproblem an der europ\u00e4ischen Ostgrenze ganz besonders interessiert. Spezell die Situation an den beiden Wiener Bahnh\u00f6fen &#8211; West- und Hauptbahnhof &#8211; ist f\u00fcr uns von grossem Interesse, haben wir doch nur etwa drei Stunden Aufenthalt in Wien. Am Telefon hat uns der \u00d6BB-Kundendienst aber versichert, dass man die Situation im Griff habe und das wir ohne Probleme \u00fcber Wien reisen k\u00f6nnen.<br \/>\nAuf unserer heutigen Fahrt bekommen wir vom Fl\u00fcchtlingsproblem eigentlich nicht viel mit. Zwar beobachten wir bereits in Buchs Grenzschutzeinheiten am Bahnhof, aber das ist auch schon alles. Erst kurz vor Salzburg, genauer in Freilassing sehen wir Personen auf den Perrons, welche f\u00fcr den Empfang von Fl\u00fcchtlingen vorbereitet sind. Aber Fl\u00fcchtlinge selber sehen wir auch hier nicht.<br \/>\nEs ist auch so, dass die RailJets von Z\u00fcrich nach Wien erst seit zwei Tagen wieder \u00fcber das Deutsche Eck fahren. Das bedeutet, dass wir ohne Versp\u00e4tung in Wien ankommen sollten Man musste die Z\u00fcge in den letzten Tagen \u00fcber Kufstein umleiten, da viele Fl\u00fcchtlinge den Schienen entlang von Wien in Richtung Deutschland marschiert sind um nach Deutschland zu gelangen und da w\u00e4re es zu gef\u00e4hrlich gewesen, wenn die Schnellz\u00fcge weiterhin \u00fcber diese Strecken gefahren w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Und wirklich, p\u00fcnktlich kam unser Zug in Wien an. Am Wiener Westbahnhof sehen wir dann die ersten Fl\u00fcchtlinge. Aufgrund der Berichterstattung der Medien bei uns hatten wir uns die Situation aber ganz anders vorgestellt. Hatten wir Bilder von sich dr\u00e4ngelnden Menschenmassen auf den Perrons im Kopf, so sahen wir auf den Perrons nur wenige Menschen und diese machen einen sehr friedlichen und geordneten Eindruck. Auch sp\u00e4ter am Wiener Hauptbahnhof, an welchem wir unseren Zug verlassen ist die Situation v\u00f6llig unter Kontrolle und vor allem sehr friedlich. Kaum sind wir zum Zug ausgestiegen, da befinden wir uns pl\u00f6tzlich Mitten in einer grossen Ansammlung von Fl\u00fcchtlingen. Viele freiwillige Helfer sind zu sehen, Zelte vom Roten Kreuz und provisorische Waschgelegenheiten und Gassenk\u00fcchen stehen zur Verf\u00fcgung und werden rege benutzt. W\u00e4hrend sich die meisten Fl\u00fcchtlinge in einem mit Klebestreifen am Boden markierten Bereich von ca. 3m von den W\u00e4nden aufhalten und dort schlafen, essen, spielen oder einfach miteinander diskutieren, herrscht in den G\u00e4ngen ein reges Treiben. \u00dcberall stehen kleine Gruppen von Menschen und diskutieren lebhaft miteinander. Dazwischen patrollieren Polizeiteams, freiwillige Helfer und das Personal vom Roten Kreuz.<br \/>\nWir bahnen uns unseren Weg durch die Fl\u00fcchtlinge, deponieren unser Gep\u00e4ck und machen uns auf die erfolgreiche Suche nach einem gem\u00fctlichen, wiener Restaurant. Und man sollte es nicht glauben, wir finden ein gem\u00fctliches Restaurant wo man uns sogar noch nach 20:00Uhr (anscheinend isst man in Wien nicht so sp\u00e4t sein Nachtessen) k\u00f6stliche Wiener Schnitzel zubereitet.<br \/>\n<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich und sehr m\u00fcde stehen wir auf dem Perron, da f\u00e4hrt auch schon der Nachtzug nach Warschau ein. Kaum sind wir in unserem Vierer-Abteil, welches bereits mit vier Liegen bereit gemacht ist, angekommen werden die Betten zugewiesen, die Kleinen nach unten, die Alten nach oben. Im oberen Stockwerk herrscht eine grosse Hitze und da wir die Fenster nicht \u00f6ffnen k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir wohl oder \u00fcbel auf das Einschalten der Klimaanlage warten.<br \/>\nUnser Wagenbetreuer ist auserodentlich freundlich und erledigt die gesamten Administrativen arbeiten schnell und mit viel Humor vor allem bei unseren Tickets muss er lachen &#8211; so viele Billette (12 St\u00fcck!) f\u00fcr eine einzige Strecke hat er anscheinend noch nicht so h\u00e4ufig gesehen.<\/p>\n<p>Kurz nachdem wir es uns in unseren Betten bequem gemacht haben klopft es heftig an unsere Abteilt\u00fcre. Dazu erschallt eine befehlsgewohnte Stimme &#8220;Polizia!&#8221; &#8211; Ok, ich klettere wieder aus meinem Schlafsack und \u00f6ffne die T\u00fcr. Draussen steht ein schwer bewaffneter &#8211; ich tippe auf tschechischer &#8211; Polizist. Kaum habe ich die T\u00fcr ge\u00f6ffnet fragt er sehr freundlich nach den P\u00e4ssen und nach einer kurzen Stichprobe w\u00fcnscht er uns noch eine angenehme Weiterfahrt. Ich schliesse wieder die T\u00fcr und mache mich \u00fcber die Leiter hinauf zu meinem Bett &#8211; ein weiterer Grenz\u00fcbertritt ist gemeistert.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen erreichen wir mit einer Stunde Versp\u00e4tung Warschau. Wir haben unsere erste Nacht im Schlafwagen sehr gut \u00fcberstanden.<br \/>\nDa wir bis zur Abfahrt des Nachtzuges nach Moskau ein paar Stunden Zeit haben und nicht mit unserem gesamten Gep\u00e4ck durch Warschau spazieren wollen, machen wir uns noch im Bahnhof auf die Suche nach der Gep\u00e4ckaufbewahrung. Schnell ist diese augrund der sehr guten Bezeichnungen im Warschauer Central Bahnhof auch gefunden. Wir stehen dann vor den Schliessf\u00e4chern und versuchen herauszufinden, wie teuer ein solches denn so ist. Die Zahl 15 an dem von uns gew\u00e4hlten Fach ersch\u00fcttert uns dann ein wenig, denn 15 Euro f\u00fcr ein Schliessfach &#8211; auch wenn es recht gross ist &#8211; erachten wir beide als etwas \u00fcberrissen.<br \/>\nAber was solls. Wir haben ja nicht einmal M\u00fcnz und so machen wir uns auf die Suche nach einer Geldwechselmaschine und dort finden wir die L\u00f6sung unseres Irtums. So ein Schliessfach kostet nicht 15 Euro, sondern 15 Zloty und da ein Zloty gerade einmal knapp 30 Rappen Wert hat, k\u00f6nnen wir auch den Preis von umgerechnet 4.50Sfr. einverstanden.<br \/>\nDas Wichtigste aber was wir gelernt haben ist, dass man in Polen ncht mit Euro sondern mit Zloty bezahlt&#8230;&#8230;;-)<\/p>\n<p>Nach einem friedlichen und interessanten Kurz-Aufenthalt in Warschau sind wir bereits kurz nach 16:00 wieder am Bahnhof und besteigen unseren Nachtzug nach Moskau. Wir sind sehr positiv \u00fcberrascht als wir in unser Liegewagenabteil kommen. Es handelt sich um einen niegel-nagel-neuen Liegewagen mit allem nur erdenklichen Komfort. Es gibt sogar eine Dusche im Wagen und in jedem Abteil hat es ein eigenes Lavabo mit fliessendem kalten und warmen Wasser, welches unter der Tischplatte verborgen ist. Die Betten sind gr\u00f6sser als die des Schlafwagens der letzen Nacht und wir schlafen hier nicht in Leinenschlafs\u00e4cken sondern nordisch unter einem Duvet.<br \/>\nNur mit der Klimaanlage haben wir am Anfang zu k\u00e4mpfen, aber auch die Technik bekommen wir nach ein paar Fehlversuchen in den Griff. Und schon bald geniessen wir unser Abteil sehr. Die Kinder gehen gerne auf die sehr saubere Zugstoilette und sogar das Z\u00e4hneputzen wird nicht in Frage gestellt. Im ger\u00e4umigen Abteil vergn\u00fcgen sie sich mit Aufgaben machen, Musik h\u00f6ren, Tablet spielen und etwas sp\u00e4ter essen wir gemeinsam unser mitgebrachtes z&#8217;nacht.<\/p>\n<p>Kurz nach Biala Podlaska erreichen wir die Grenze von Polen und Belarus (Weissrussland). Dem polnischen Grenzbeamten strecken wir stolz unsere vier P\u00e4sse so hin, dass sich das Transitvisa f\u00fcr Belarus auf der aufgeschlagenen Passseite befindet. Wir staunen nicht schlecht, als uns der Beamte ziemlich m\u00fcrrisch auf polnisch anschnautzt. Als er merkt das wir nichts verstehen, wechselte er auf englisch und meint, dass wir hier immer noch in Polen seien und das Visum von Belarus ihn aus diesem Grund absolut nicht interessiert! Nach einem kurzen Blick in unsere P\u00e4sse gibt er uns diese wieder zur\u00fcck und geht grusslos aus unserem Abteil.<\/p>\n<p>Danach fahren wir ein paar Kilometer weiter zur Grenze von Belarus. Zuerst werden uns unsere P\u00e4sse von einem neuen Grenzbeamten abgenommen. Im Gegenzug erhalten wir vier kleine Zettel in die Hand gedr\u00fcckt, welche wir ausf\u00fcllen m\u00fcssen. Leider sind nicht nur die Zettel klein, sondern auch das was draufsteht und so m\u00fcssen wir unsere Lesebrillen hervorholen um \u00fcberhaupt lesen zu k\u00f6nnen was wir wo auszuf\u00fcllen haben.<br \/>\nWir wissen nicht wie es die anderen Reisenden machen, aber da wir die P\u00e4sse mit unseren Visa dem Grenzbeamten abgegeben haben, wissen wir weder unsere Passnummern noch die Visanummern f\u00fcr Belarus. Zum Gl\u00fcck haben wir alle Dokumente auch noch in elektronischer Form auf unserem Tablet dabei und so k\u00f6nnen wir diese Daten dort nachlesen und die Zettel in Mikroschrift ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Der Grenzbeamte aus Belarus, der schon durch sein \u00c4usseres alle Vorurteile eines Menschen in einer solchen Position in uns wachruft (er ist untersetzt, korpulent, hat eine leicht schleimige Art und ein herablassendes, ungepflegtes Auftreten), kommt etwas sp\u00e4ter wieder in unser Abteil und gibt uns unsere Reisep\u00e4sse zur\u00fcck. Zudem sagt er schon ziemlich genervt und mit dem Finger auf seine Uhr deutend, dass wir die Zettelchen falsch ausgef\u00fcllt h\u00e4tten. Es macht f\u00fcr uns zwar keinen Sinn was wir da reinschreiben sollen aber wir beugen uns der Staatsmacht und schreiben das was er will&#8230;<br \/>\nLeider zeigt es sich aber, dass der Grenzbeamte noch immer nicht zufrieden ist mit uns. Denn nun will er auch noch eine Kopie von unserer Krankenkassendeckung f\u00fcr Russland. Wir sagen ihm, dass wir diese in elektronischer Form haben und wir das Visum ohne diese Dokumente gar nicht bekommen h\u00e4tten, aber er sch\u00fcttelte nur mit dem Kupf und meinte, dass dies nicht reiche. Daraufhin senkt sich ein betretenes Schweigen in unser Abteil &#8211; doch pl\u00f6tzlich meint er &#8211; mit einer etwas leiseren Stimme &#8211; das 15 Euro auch ok seien&#8230;.<br \/>\nWir sind ziemlich baff, aber was wollen wir machen &#8211; mit unseren zwei Kleinen, die bereits in ihren Pyamas im Bett sitzen und ein wenig verst\u00f6rt unserem Treiben folgen. So klauben wir halt die 15 Euro aus unserem Portemonaie und k\u00f6nnen beobachten, wie sich unsere Geldscheine ihren Weg von unseren Portemonaise in die ausgebeulten Hosen dieses Grenzbeamten suchen. Und kaum haben sie den Weg in die Beinkleidern des Grenzbeamten gefunden, da ist der Beamte auch schon aus unserem Abteil verschwunden &#8211; so geht das&#8230;<\/p>\n<p>Damit ist der Grenz\u00fcbertritt nach Belarus aber noch nicht abgeschlossen. Denn nach der Zollkontrolle wird unser Zug lediglich ein paar hundert Meter weiter in eine grosse Werkstatt geschoben. Dort werden an allen Wagen die Drehgestelle unter Get\u00f6see von Hand auf die Spurbreite von Russland umgestellt.<br \/>\nUnd als auch das gemacht ist, geht es nur wieder zur\u00fcck in den Bahnhof und dort stehen wir dann. Erst etwa drei Stunden nachdem wir den Grenzbahanhof erreicht haben, verlassen wir ihn endlich wieder.<\/p>\n<p>Den Rest dieser Fahrt k\u00f6nnen wir aber geniessen. Sie verl\u00e4uft ohne weitere Probleme und erfreut stellen wir am Morgen beim Aufwachen fest, dass wir uns bereits in Russland befinden. Die Grenzkontrollen von Belarus sind anscheinend mit denen von Russland zusammengelegt und so machen auch die Angaben, welche wir auf die weissen Zettelchen schreiben mussten wieder einen Sinn.<br \/>\nAber das wir diesem Grenzbeamten von Belarus 15Euro &#8220;geschmiert&#8221; haben nervt uns immer noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie aus Watte sehen die Nebelfetzen aus, welche sich in der Nacht \u00fcber das &#8220;Moos&#8221; gelegt haben. Die Sonnentrahlen, welche ihren Weg durch die Wolken am Himmel finden, tauchen die Umgebung in weiches, goldenes Licht. 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